Wie man dem Metaverse Manieren beibringt

Aktualisiert: 22. Nov. 2021

Wie können Bildung, Wirtschaft, Ethik und Digitalität positiv verknüpft werden?

Mit digitaler Ethik kann dies gelingen.

Mit dem Metaverse alleine nicht.


Beim Reden kommen die Leut' zusammen

 

Aus dem Erfahrungsschatz des Autors: Montagmorgen. 6 Uhr. Kalt. Der Hund muss raus. Also werden die Stiefel angezogen, die Daunenjacke ausgepackt und die Airpods spielen die neuesten Spotify Hits.

Im anliegenden Park des Altenheims gegenüber des Hauses ist der Lieblingsspot meiner Hündin - also wollen wir genau dorthin. Die Straßenbahnhaltestelle davor ist vollgestopft, mit jungen Menschen, die in die Schule gehen wollen/müssen.

"Kannst du mir bitte in die Augen schauen, wenn wir reden?"

Eine vielleicht 16-jährige Schülerin weist einen sichtlich verdutzten Mitschüler zurecht, da dieser auf seinem Handy gebannt die Grundregeln sozialer Interaktion (konkret: Die Schülerin, die mit ihm spricht) ignoriert.

Was hat mich daran überrascht?

IHRE Reaktion, nicht seine.

Sagt viel über mich aus - und über unsere Gesellschaft.

Menschen die auf Handies schauen.
Soziale Interaktion in der Öffentlichkeit? Selten.

Zur Theorie:

 

Parasoziale Interaktionen ersetzen sozialen Kontakt NICHT. Die Beziehungspsychologin Esther Perel meint:

"Parasoziale Beziehungen sind ein Ersatz für echte Beziehungen wie Pornos ein Ersatz für Sex."

Deswegen ist es dringend notwendig, unsere Flucht ins Digitale, speziell in Zeiten COV-19 bedingter sozialer Isolation, positiv zu lenken.

Mark Zuckerberg hat ebenjenes Thema mit dem Metaverse vor circa einem Monat breit aufgestoßen. Drei Überlegungen an dieser Stelle dazu:


"Wir glauben, dass das Metaverse der Nachfolger des mobilen Internets sein wird."

Mark Zuckerberg

 

Überlegung 1: Leben ohne Ethik ist wie Farbe in Dunkelheit erkennen wollen


Menschliches Handeln kann sowohl praktisch als auch theoriegeleitet gesehen werden – bedeutet dies, dass menschliches Handeln grundsätzlich ethisch ist? Diese Frage nach bewusst ethischem Handeln wurde erstmals prominent von Rousseau und Hume 1766 in einem berühmten philosophischen Streit behandelt; Rousseau vertrat die Ansicht, dass dem Menschen ein positives ethisches Korsett zugrunde liegt. Hume sah den Mensch in der Tradition des römischen Grundsatzes „homo homini lupus“ als aggressiv, kooperationsablehnend und als grundsätzlich gewaltbereit.

Die Geschichte gibt Hume weitgehend recht: So weit, so schlecht.

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Rousseaus Vorstellung des freiheitsliebenden und friedlichen Menschen, der mehr dem heutigen Bild eines Hippies entspricht, ist bis heute jedoch nicht klar widerlegt und – hier kommt Optimismus wieder ins Spiel – gilt ebenso als valide Auffassung von Kultur (Vgl. Sturma 2001, 72ff.). Diese philosophisch wichtige Grundüberlegung ist für die Beschäftigung mit der Entwicklung von ethischem Grundverständnis im Bereich digitaler Ethik deswegen unablässig, da im Gegensatz zu gewachsener, "analogen" ethisch-hochwertiger Verhaltensweise (z.B.: Evolutionäre Grundabneigung gegen Mord in der Gruppe, Inzest, Kannibalismus, etc..) bei parasozialer, digitaler Beziehungsbildung “Evolution“ von Sozialisierung keine Rolle spielt.

Der Prozess ist einfach zu schnell dafür. Dadurch wird die Notwendigkeit eines bewussten Ethikbildungsprozesses im digitalen Raum offensichtlich.


 

Überlegung 2: Sozialisierung - anyone?


„Unter Sozialisation versteht man den gesamten Prozess, in dessen Verlauf ein Individuum in die Gesellschaft hineinwächst. Dabei erwirbt es durch passiven und aktiven Umgang mit anderen Menschen die ihm eigentümlichen sozial relevanten Erlebnis- und Verhaltensweisen“. (Illichmann 1998: 281)

Diese Form der Sozialisation, beschrieben von Illichmann, passiert nicht nur in den primären ersten Lebensjahren des Kindes im privaten Raum, sondern auch speziell im staatlichen Schulsystem.

In Hinblick auf Förderprogramme oder Schulen mit digitalem Breitenanspruch ist daher besonders auf ethisch-basierte Sozialisierung zu achten. Birkenhauer (vgl. 2000, 14), präsentierte daher bereits vor 20 Jahren einen digital-anwendbaren sechs-Punkte-Plan, um PädagogInnen bewusst auf ethische Herausforderungen im digitalen Unterricht vorzubereiten:

  1. Einsicht in Bedeutsamkeit digitaler Welten (Praktisches Beispiel: Aufklärung über Privatsphäre-Einstellungen am Smartphone und in Apps als Vorteil darstellen)

  2. Lebendigkeit und Angepasstheit (Ansprechender Unterricht in ungewöhnlichen Umständen)

  3. Unbedingte Authentizität und Glaubwürdigkeit unter Einschluss von Wahrhaftigkeit (Bsp.: Unterricht am eigenen Facebook/Instagram Unterricht und am eigenen Laptop/Smartphone)

  4. Gestaltung von Lebensszenen mit gehaltvollen Fragestellungen (Fragen über die Bedeutung von Social Media für Karrierechancen)

  5. Bewusstmachen der Relativität des Ichs in Gesamtzusammenhängen (z.B.: Sensibilisierung über Cyberbullying)

  6. Aufgreifen ästhetischer Sensibilisierung (Fragen über vermittelte Schönheitsideale)

Nach zwei Jahren Zoom-Unterricht: Hätten wir diesen 20 (!) Jahre alten Plan nicht berücksichtigen müssen?


Naja - Zurück zum Thema:

Diese pädagogische Herangehensweise ist für den Umgang mit ethischen Fragen speziell am Thema digitaler Ethik notwendig, um nötige „Awareness“, also bewusstgemachte Aufmerksamkeit, zu schaffen und sowohl positive, als auch negative Aspekte der expliziten und impliziten sozialen Auswirkungen im Rahmen der digitalen Welt aktiv und kompetent in der zwischenmenschlichen Interaktion anwenden zu können.

 

Überlegung 3: Menschzentriert und Mensch-fokussiert. Ist doch nicht so schwer.

Durch die Digitalisierung und die weitgehende Re-Definition des modernen Lebens des 21. Jahrhunderts werden Perspektiven in verschiedensten Berufsfeldern geöffnet – so können heutzutage transkontinentale Gespräche mit fast unmerklicher Verzögerung geführt werden. Zusätzlich haben unsere veränderten digitalen sozialen Welten auch die Partnersuche (z.B.: Tinder), im Einzelhandel (z.B.: Zalando, Lieferando), oder im generellen Konsumverhalten (z.B.: Amazon) geändert.

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Die Jugendjahre sind nach Fend dafür die entscheidende und prägende Phase, die diese Bereiche der gesellschaftlichen Integration definiert (Vgl. Fend 1994: 2), daher ist umso stärker ein pädagogisch wertvoller Ansatz im Bereich digitaler Resilienz gefragt.

Für Rath, et al., steht nicht die Frage der ethischen Herausforderung durch medialisierte Gesellschaften im Mittelpunkt, diese werden als gegeben angenommen. Es ist daher dringend Zeit für eine:


Humanzentrierte und humandeterminierte Digitalethik in der am Ende jedes maschinellen Handelns menschlich-ethische Programme, Logarithmen und Codes stehen, die – wenn auch vielleicht nicht auf den ersten Blick erkennbar – aber dennoch den Maschinen ihren „Logos“, also Sinn, geben und damit vorherbestimmen, welche ethischen Folgen künstliche Intelligenzen, digitale Interaktionen und virtuelle Welten nach sich ziehen können (Vgl. Rath, et al.: 3).

Die digitalen Ketten der KI Intelligenz sind in diesem Bereich also noch nicht gesprengt und müssen dringend durch Informatiker (und ethische Codizes) in Form gegossen werden, um, mit „Leben“ erfüllt zu werden.

Ob diese von der UN, der EU, den Nationalstaaten oder gar von NGO-Playern beschlossen wird, ist für die Auswirkung egal.

Wichtig ist, dass sie existiert.

Und zwar schnell.

 

Digitale Ethik - Kern des Metaverse?


Digitale Ethik kann die Basis für Bildung, Selbstbestimmtheit in der digitalen Welt, Fortbildung und Sozialisierung darstellen. Auch im neuen Metaverse.

Daher ist es Zeit, Bewusstsein zu schaffen und eure Meinungen einzuholen. Was denkt ihr über die Vorstellung einer digitalen Ethik, die speziell in Firmen und im Bildungssystem codifiziert werden kann? Ich freue mich auf ein positive Diskussion,


Euer Bernhard

 

Bernhard Franz, MA., MA., ist selbstständiger Kommunikationstrainer und Moderator mit dem Fokus digitaler Kulturvermittlung und innovativer Trainingsmethodiken.

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